Tomer Gardi: Liefern
Samstag, 14. März 2026

Ausbeutung
Dieses Buch ist die Geschichte von Essenlieferanten. Sie spielt in verschiedenen Kontinenten der Erde. Berlin, Istanbul, New Delhi, Buenos Aires und Tel Aviv.
Es geht um die Leben von Männern und Frauen, die verzweifelt versuchen, ihren Lebensunterhalt damit zu verdienen, anderen Menschen ihr Essen zu liefern. Alles immer schnell, freundlich, fehlerfrei. Sonst droht eine schlechte Bewertung. Mit einer schlechten Bewertung gibt es weniger Aufträge, dadurch weniger Geld. Ein perfides System. Denn in den meisten Ländern gibt es die (trotz allem) begehrten Plätze nur über korrupte Mittelsmänner. Übrigens auch in Berlin.
Tomer Gardi hat an mehreren Schauplätzen recherchiert und mit den Essensboten gesprochen.
Er schreibt nicht nur eine fundierte Geschichte, sondern er schafft es auch noch diese globalen Geschichten durch dünne Fäden kunstvoll miteinander zu verbinden. Die meisten Schnüre verknoten sich in einer Sprachschule in Berlin. Dort unterrichtet Nina, die für ein Auslandssemester nach Indien geht. Dort ist eine junge Mutter, die, von dem Mann verlassen versucht durch Essenslieferungen sich und ihren kleinen Sohn durchzubringen. Nina lernt dort Ramon kennen und telefoniert dann im letzten Kapitel mit dessen Mutter aus Buenos Aires.
Wenn du dir häufiger mal was liefern lässt, dann solltest du dieses Buch lesen. Wenn nicht, dann auch. Es geht um Ausbeutung und Rassismus, aber auch um Familie und Liebe. Denn auch diese Lieferanten sind nur Menschen und machen schon mal einen Fehler. Für verzögerte Lieferzeiten können sie häufig nichts, müssen aber die volle Verantwortung übernehmen.
Tel Aviv
Filmon stammt aus Eritrea. Er ist von dort geflüchtet und hat es immerhin nach Israel geschafft. Seine Frau lebt mit seiner Tochter, die er noch nie gesehen hat, in Berlin und versucht ihn nachzuholen.
Filmon hatte einen nicht so schlechten Job in einem Café. Doch Corona machte diesen zunichte. Also liefert er Essen aus. IN seiner Verzweiflung treibt er sich im Botschaftsviertel herum und versucht Fahrten in die deutsche Botschaft zu bekommen. Er träumt davon dort Kontakte zu knüpfen, die ihm die Ausreise nach Deutschland ermöglichen.
Darüber, wie es dort für ihn weiter gehen könnte, macht er sich keine Gedanken. Mir scheint, er rechnet nicht wirklich damit.
Berlin
Diese Stadt ist der Dreh- und Angelpunkt des Romans. Hier laufen die Fäden zusammen.
Ein junger Mann aus gutem Haus studiert Maschinenbau. Weil die Kosten des Lebens in Deutschland total überfordern, er stammt aus Indien, liefert er Lebensmittel aus. Dabei lernt er Filmon kennen, der es endlich von Israel nach Deutschland geschafft hat. Zwei sehr unterschiedliche Menschen, mit unterschiedlichen Hintergründen machen den gleichen Job. Sie kennen sich aus der Sprachschule, in der Nina unterrichtet. Gleich ist bei beiden die Unzufriedenheit im Job. Doch welche Möglichkeit haben sie sonst? Der eine will damit sein Masterstudium finanzieren, der andere seiner Familie eine eigene kleine Wohnung ermöglichen.

In dem Ortsteil in dem ich wohne, gibt es Essenslieferdienste nur per Auto.
Deshalb habe ich es mal mit einem generierten Foto versucht.
Istanbul
Der Teil Mimesis spielt in Istanbul. Er wurde von Anne Birkenhauser aus dem Hebräischen übersetzt. Den Rest des Buches hat Tomer Gardi auf Deutsch verfasst. Da würde ich wirklich gerne mal nachfragen, warum der Autor dies so gemacht hat.
Diese Geschichte kommt sehr humorvoll rüber, denn zwei Freunde, beides Israelis, die in Berlin leben, fliegen dorthin um sich eine Haarverpflanzung zu unterziehen. Ich nehme an über Tourismus wegen kosmetischer Operationen könnte ein weiteres Buch lohnenswert sein. Hier lernen die Freunde einen Essenslieferanten kennen, der auf die Chance wartet dieses System von innen heraus zu Fall zu bringen. In dieser Episode wird besonders deutlich, dass nicht nur Menschen ohne Abschluss auf diesen Job zurückgreifen müssen um zu überleben.
Buenos Aires
Ramón kennen wir aus Dehli. Seine Mutter lebt in Buenos Aires. Sie hat das Handy ihres Sohnes und verbringt viel Zeit mit den darauf abgespeicherten Fotos, so kann sie ihm nochmal nahe sein. Plötzlich ist das Handy weg. Doch sie kann es noch orten.
So beginnt eine abenteuerliche Verfolgungsjagd durch die argentinische Hauptstadt.
Auch hier konnte ich viel vom Flair dieser Stadt mitnehmen. Die Fußballfans, die verschiedenen Viertel, der Familienzusammenhalt. Sehr tragische, traurige Episode. Doch Gardi lässt es nie rührselig werden. Denn der ganze Roman handelt von Menschen die ihr Leben irgendwie in die Hand nehmen und nicht aufgeben.

Rosen
Die letzte Geschichte sticht etwas heraus. Hier geht es auch um Ausbeutung, aber in einer anderen Branche: der Blumenzucht. Eine junge Frau bekommt in der Zeit vor dem Valentinstag einen der begehrten Jobs in einer Rosenzucht. Dort schneidet sie tausende Rosen von den Büschen, am Tag, im Akkord. Den Blumenverkäufer in Berlin kennen wir schon aus einer anderen Geschichte. Es gibt also noch viel mehr Geschichten über Ausbeutung zu erzählen. Und wir machen da alle mit.
Fazit
Liefern von Tomer Gardi ist ein spannender Pageturner, der dieses menschenverachtende System der Lieferdienste auf unterhaltsame Weise aufdeckt. Sehr gesellschaftskritisch und politisch. Durch die persönlichen Schicksale kommen mir diese Menschen sehr nahe. Essenslieferanten werden ausgebeutet, weltweit nach dem gleichen System. Der Autor verbindet gekonnt verschiedenen Schicksale rund um den Globus miteinander.
