Maxim Leo: Einatmen, Ausatmen
Samstag, 2. Mai 2026

Vom Stress der Achtsamkeit
Ich habe ein Yoga-Shirt, auf dem steht: „Einatmen, Ausatmen, Lächeln!“ – ein wunderbares Motto für jede Yogastunde. Und, wie sich herausstellt, passt es auch ganz hervorragend zu diesem Roman.
Zwischen Selbstfindung und Selbstoptimierung
Maxim Leo beschreibt auf angenehm leichte und zugängliche Weise, wie man zu sich selbst finden kann. Dabei wird schnell klar: Es geht nicht nur um Achtsamkeit im eigenen Inneren, sondern ebenso um Empathie im Umgang mit anderen. Erst beides zusammen ergibt ein stimmiges Ganzes.
Eine Managerin am Limit
Im Mittelpunkt steht Marlene Buchholz, eine äußerst erfolgreiche Managerin. Beruflich hat sie scheinbar alles erreicht – sogar die Geschäftsführung ist in greifbarer Nähe. Doch während sie wirtschaftlich glänzt, fehlt ihr im Umgang mit Menschen jegliches Einfühlungsvermögen. Bevor sie den letzten Karriereschritt machen darf, wird sie deshalb zu einem Achtsamkeitsseminar verpflichtet.
Der Guru mit eigenen Problemen
Dieses Seminar leitet Alexander Grow, ein gefeierter Achtsamkeitsguru, der schon viele Menschen zu einem besseren Selbst geführt hat. Ironischerweise steht es um seine eigene innere Balance alles andere als gut. Sein Unternehmen wächst ihm über den Kopf, finanziell steht er kurz vor dem Aus, und auch privat gerät er zunehmend unter Druck.
Marlene wird für ihn zur entscheidenden Chance: Gelingt es ihm, sie innerhalb von zwei Wochen zu einer empathischen Führungskraft zu formen, winkt ein lukrativer Auftrag, der seine Existenz und die seiner vielen Angestellten retten könnte.
Widerstand und Wandel
Marlene selbst hat jedoch wenig Interesse an diesem Prozess. Pausen oder gar Urlaub kennt sie nicht – sie will einfach zurück an die Arbeit. Doch dann führen ein prägendes Erlebnis im Wald und eine Familienaufstellung dazu, dass sie ihr bisheriges Leben zu hinterfragen beginnt.
Persönliche Gedanken zur Familienaufstellung
Yoga und Meditation sind mir nicht fremd, doch eine Familienaufstellung habe ich selbst noch nicht erlebt. Eine gute Freundin hat mir jedoch eindrücklich davon berichtet, wie tiefgehend solche Erfahrungen sein können.
Auch im Roman geht diese Methode Marlene spürbar unter die Haut. Sie erkennt Zusammenhänge, die ihr eigenes Verhalten erklären. Hätte ich nicht die Erzählungen meiner Freundin im Hinterkopf, hätte ich diese Passagen vielleicht als übertrieben empfunden – doch so erschien mir die Darstellung durchaus glaubwürdig.

Zwischen Überzeichnung und Einfühlungsvermögen
An vielen Stellen treibt Maxim Leo die Handlung bewusst etwas auf die Spitze. Der Roman streift dabei gelegentlich die Grenze zur Satire, ohne sie ganz zu überschreiten. Gleichzeitig bleibt er erstaunlich einfühlsam und blickt hinter die Fassaden seiner Figuren.
Neben Marlene und Alexander begegnen uns weitere, teils bewusst stereotyp gezeichnete Charaktere: andere Seminarteilnehmer, ein Hausmeister und eine geheimnisvolle Teenagerin im Schlosspark.
Dramatische Zuspitzungen und gesellschaftliche Anspielungen
Auch an Dramatik mangelt es nicht: Es fallen Schüsse, die Polizei greift ein, und an einem Punkt schließen sich die Protagonisten zusammen und ketten sich an Bäume. Diese Szenen sind sicherlich zugespitzt, tragen aber einen wahren Kern in sich. Unweigerlich fühlte ich mich dabei an die Proteste im Hambacher Forst erinnert.
So nimmt der Autor nicht nur den Achtsamkeitstrend, sondern auch gesellschaftliche Entwicklungen ins Visier.
Leise Töne und große Gefühle
Zwischen all den überspitzten Momenten findet der Roman immer wieder zu ruhigen, nachdenklichen Passagen zurück. Besonders berührend sind die Schilderungen über Abschied, Verlust und die Bedeutung von menschlicher Nähe in schwierigen Zeiten.
Straff erzählt und ohne Längen
Angesichts der Vielzahl an Themen könnte man ein umfangreiches Werk erwarten. Doch Maxim Leo entscheidet sich bewusst für eine knappe Erzählweise. Einige Ereignisse werden im Epilog zusammengefasst, was dem Lesefluss sehr zugutekommt. Gerade diese Verdichtung sorgt dafür, dass zu keinem Zeitpunkt Langeweile aufkommt.
Fazit
Einatmen. Ausatmen. von Maxim Leo ist ein Roman, der die Achtsamkeitsindustrie ein wenig auf die Schippe nimmt. Der Autor brachte mich zum Schmunzeln und zum Nachdenken. Also: einatmen, ausatmen – und häufiger lächeln.
