Rezension: „Treppe aus Papier“ von Henrik Szántó
Sonntag, 21. Juni 2026

Ich interessiere mich sehr für Immobilien. Ich schaue mir unglaublich gerne Wohnungen und Häuser an, weiß meist ziemlich genau, was hier in der Umgebung gerade zu kaufen oder zu mieten ist. Häuser erzählen Geschichten – und genau diese Faszination überträgt sich bei mir auch auf Bücher. Romane, in denen Gebäude eine Rolle spielen oder sogar selbst zu Erzählern werden, ziehen mich magisch an.
Deshalb war sofort klar: „Treppe aus Papier“ musste auf meinen Wunschzettel. Ich habe das Buch zum ersten Mal bei Andrea vom Blog Lesezimmer.Kaminrot entdeckt – danke an dieser Stelle für die Inspiration, liebe Andrea!
Die besondere Perspektive: ein Haus erzählt
Der Roman ist aus einer ganz besonderen Perspektive erzählt: aus der Sicht eines Hauses. Ein Haus, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts von einem jüdischen Goldschmied erbaut wurde. Allein dieser Ausgangspunkt lässt erahnen, wie viel Geschichte sich in seinen Mauern angesammelt hat – insbesondere durch die Zeit des Nationalsozialismus.
Wir lernen die Familie Sternheim kennen: Amit, den Goldschmied, seine Frau Golda und ihre kleine Tochter Ruth. Später wird während der NS-Zeit Irma geboren, die als Kind eine Freundschaft mit Ruth entwickelt. Eine Freundschaft, die unter schwierigen Vorzeichen steht, denn Irmas Eltern sind überzeugte Nationalsozialisten und dulden diese Verbindung nicht.

Viele Jahrzehnte später begegnen wir Irma wieder – inzwischen 90 Jahre alt – und der 16-jährigen Nele. Zufällig treffen sie sich im Treppenhaus. Nele kämpft mit dem Lernen für eine Geschichtsklausur, und Irma bietet ihre Hilfe an. Schließlich hat sie diese Zeit selbst erlebt. Was folgt, ist ein intensiver Austausch zwischen den Generationen – und eine Auseinandersetzung mit Erinnerung, Schuld und Verantwortung.
Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, keine Bücher mehr über die NS-Zeit zu lesen. Ich dachte lange, ich hätte mich mit diesem Thema ausreichend beschäftigt. Und doch überrascht es mich immer wieder, wie viele neue Perspektiven es noch gibt – und wie sehr mich solche Geschichten doch wieder erreichen.
Was haben Oma und Opa in der NS-Zeit gemacht?
Besonders gefallen hat mir hier der Ansatz, Geschichte über persönliche Erinnerungen und konkrete Orte erfahrbar zu machen. Nele beginnt, sich nicht nur mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, sondern auch mit der Rolle ihrer eigenen Familie darin. Irma hingegen lebt mit den Erinnerungen an ihre Freundin Ruth – und mit der Erkenntnis, dass man auch als Kind Teil von etwas sein kann, das man nicht vollständig versteht, aber dennoch mitträgt.
Die Sprache des Romans ist wunderschön. Ich liebe es, wenn ein Haus erzählt – und hier geschieht das in einer poetischen, eindringlichen Weise. Gleichzeitig ist es ein Buch, das ich nicht in einem Rutsch lesen konnte. Ich musste es immer wieder zur Seite legen, um das Gelesene wirken zu lassen. Gerade die emotionalen Passagen haben Zeit gebraucht.
Auch das Cover hat mich sofort angesprochen. Als Fotografin liebe ich solche Motive – und könnte mir gut vorstellen, etwas Ähnliches selbst umzusetzen.

Lieblingsstellen
Zwei Zitate, die mir besonders im Gedächtnis geblieben sind:
„Wo einst Golda Sternheims Herd stand, steht nun eine Waschmaschine. In ihrem Suppentopf kreisen heute Socken.“
Und aus der Zeit des Nationalsozialismus:
„Wir öffnen uns dem Zorn, wir nehmen ihn auf zwischen den Streben der Treppengeländer. Wir lagern ihn in den Fugen der Ziegel und dämmen mit ihm die Lücken zwischen den Stockwerken. Wir atmen ihn ein und halten die Luft an, wir wissen um jede Scherbe und, woher sie stammt.“
Ein intensives, bewegendes und sprachlich beeindruckendes Buch, das lange nachhallt.
