Shelly Kupferberg: Stunden wie Tage
Mittwoch, 13. Mai 2026

2 Blogger – 1 Buch
Auf der Buchmesse im März diesen Jahres konnten Silvia und Astrid endlich mal wieder gemeinsam durch die ganzen neuen Bücher stöbern. Astrid freute sich sowieso schon auf das Buch von Shelly Kupferberg, obwohl sie ihren ersten Roman Isidor bisher gar nicht gelesen hat. Aber auf einer der ersten Messen, die sie besucht hat, hat sie Shelly Kupferberg als Journalistin und Moderatorin kennengelernt. Damals moderierte Shelly für eine Buchvorstellung von Lissi Doron. Seitdem war Astrid sehr beeindruckt.
Wir durften die Autorin bei einer Blogger Veranstaltung von Diogenes mit vielen anderen BloggerInnen erleben. Shelly Kupferberg stellte uns ihren neuen Roman „Stunden die Tage“ persönlich vor. Und da ist es ja immer gut, wenn Autorinnen und Autoren extrovertiert sind und die eigene Begeisterung für ihr Buch auf andere übertragen können. Dieses ist Shelly Kupferberg hervorragend gelungen.

Ein paar Wochen später haben Silvia und Astrid das Buch beide gelesen und wir haben uns etwas darüber unterhalten. Das wollen wir hier gerne mit euch teilen.
Die Protagonistin des Buches ist Martha. Martha war in Berlin der 1920er Jahre Hausbesorgerin in einem Mehrfamilienhaus in Berlin Schöneberg. Sie war noch sehr jung, aber die beiden Hausbesitzer trauten ihr diese Aufgabe zu. Kupferberg erzählt uns, wie sich das Leben der jungen Martha im Laufe der Jahre veränderte. Sie kümmerte sich um das Haus und um die Bewohner, die teilweise sehr skurril waren. Irgendwann heiratete sie, leider waren ihr Kinder verwehrt, aber die Tochter des einen Hausbesitzers hatte ein gutes Verhältnis zu ihr und so war es ein bisschen ein Kindersatz. Diese Geschichte zieht sich durch den Nationalsozialismus und die Zeit danach. Das spannende an dem Buch ist die Tatsache, dass es diese Martha tatsächlich gab. Shelly Kupferberg recherchierte sehr intensiv und stieß auf interessante, teilweise verstörende Tatsachen. So ist ein Buch entstanden, dass auf Tatsachen beruht, aber dann doch ein Roman geworden ist.
Astrid: dieses Jahr auf der Leipziger Buchmesse hatte ich das Gefühl, dass alle AutorInnen aus Berlin stammen und die Bücher auch in Berlin spielen. Als ich wieder zu Hause war und über die Bücher noch nachdachte, bin ich tatsächlich etwas durcheinander gekommen. Ich musste mir immer sehr bewusst machen, welches Buch ich hier gerade lese und was davon von welcher Autorin stammt. Ging dir das auch so?
Silvia: Eigentlich nicht. Allgemein habe ich schon mal das Problem, dass ich Bücher durcheinanderbringe, vor allem Krimis. Aber die Bücher, deren AutorInnen ich live gesehen habe, kann ich meist ganz gut auseinanderhalten. Und wir hatten ja unheimlich viele Eindrücke auf der Messe gesammelt. Da finde ich es immer so schön, wenn wir einen Messerückblick veröffentlicht haben, da kann ich das nochmal gut für mich sortieren.
Aber Berlin spielt in vielen Büchern eine Rolle, das stimmt auf alle Fälle!

Astrid: insgesamt ist mir dieses Jahr auch aufgefallen, wie intensiv das Thema Recherchearbeit kommuniziert wurde. Früher dachte ich ja immer, wenn man Autor oder Autorin ist, hat man so wahnsinnig viel Fantasie, aus der ein Buch entstehen kann. Das habe ich dieses Jahr komplett anders empfunden. Bei vielen Buchvorstellungen hatte ich den Eindruck dass ein Thema auf die Autoren zukam und sie dann mit dem vorhandenen Material ein Buch geschrieben haben. Ist das nur mein Eindruck oder war das wirklich so?
Silvia: Ja, da hast du recht. Das Thema Recherche war sehr präsent. Ich sitze auch oft mit meinem Tablet neben dem Buch und schlage Dinge und Hintergründe nach oder schaue mir Fotos von Orten an, die ich nicht kenne. Da wir alle so viel Material wie nie zur Verfügung haben, ist es schon auch sehr wichtig, dass die AutorInnen sich vorher genau vergewissern, dass sie keinen Unsinn schreiben. Doch ich hoffe, dass Fantasie auch immer noch ein wichtiges Thema in der Schreibarbeit ist.
Astrid: Shelly Kupferberg zuzuhören hat schon viel Spaß gemacht, oder? Irgendwie waren alle im Raum völlig fasziniert von ihr. Das ist immer ein gutes Zeichen, dass es auch ein lesbares Buch werden könnte. Für mich war es dann auch so, obwohl der Inhalt wirklich irgendwann gruselig wurde. Aber ich habe mich sehr erfreut an vielen Figuren. Sehr gelungen fand ich Marthas Ehemann. Es klingt alles nach einer sehr unscheinbaren Ehe und trotzdem hat sie bis zum Tod gehalten. Vielleicht war man tatsächlich nicht so anspruchsvoll wie heute.. Heute muss immer alles stimmen. Wenn es nicht stimmt, dann trennt man sich halt eben. Es sind die leisen Töne, die mir erstaunlich gut gefallen haben. Mochtest du Willi auch oder wäre er dir zu langweilig gewesen?
Silvia: Willi war ein toller Mann. Ja, ruhig und zurückhaltend, aber er hat Martha auch immer den Rücken gestärkt. Das ist sehr wichtig in einer Partnerschaft. Er hat sich nicht häufig gegen Martha durchgesetzt, ist aber in entscheidenden Momenten auch sehr hartnäckig. Sonst wären sie ja nicht zusammengekommen. Martha fand ich häufig unsympathisch. Das finde ich immer seltsam, wenn ich eine Hauptperson nicht mag. Doch ihre für mich negativen Seiten wurden auch immer gut mit ihrer Vergangenheit begründet. Doch ich hätte mir gewünscht, dass sie auch sich selbst gegenüber nicht immer so hart gewesen wäre. Richtig weich war sie nur Liane, ihrem Ziehkind gegenüber.
Astrid: Das Buch wimmelt nur so von Geschichten, die es auch wirklich gegeben hat. Nur wissen wir als Leser nicht, welche davon wahr sind oder doch nur der Fantasie der Autorin entsprang. Mich hat das Buch dazu gebracht, ein wenig im Netz zu recherchieren.
Silvia: Ja, ich hätte gerne noch mehr solche Geschichten in der Geschichte gelesen. Einige dieser Menschen hätten auch ein eigenes Buch verdient. Meine Lieblingsfigur war der Nachbar mit dem Papagei. Ich fand es sehr faszinierend, das Kupferberg Martha und ihrem Leben so intensiv nachgespürt hat.
Astrid: Richtig traurig hat mich das Schicksal von Liane gemacht. Unsere Kinder sind alle in etwa in ihrem Alter. Hat das etwas mit dir gemacht?
Silvia: Klar, das hat mich sehr erschüttert. Vor allem weil ich ja auch eine politisch sehr aktive Tochter habe, die sich auch nie scheut, für ihre Überzeugungen einzustehen. Die Sorgen um Liane konnte ich sehr gut nachvollziehen.
Der Roman ist meiner Ansicht nach eine gute Mischung aus Anekdoten, Schicksalen und auch dem Zeitenwandel der beschrieben wird. Die Beklemmung bei mir wuchs und wuchs, weil wir aus der Rückschau ja wissen wie alles ausgeht. Ich wollte immer allen zurufen: wandert aus, aber schnell.
Alle die, die etwas Zeit haben und mehr zum Buch, dem Kiez in Berlin und der Autorin erfahren möchte, können mal in diesen Podcast reinhören – Tolles Format!
