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Torsten Woywod: Mathilde und Marie

Mittwoch, 11. Februar 2026

Leben im Bücherdorf

Wie stellst du dir das Paradies vor? Vielleicht als einen kleinen Ort mit weniger als 400 Einwohnern, aber 13 Buchhandlungen? Klingt schon mal gut. Diesen Ort gibt es wirklich: Er heißt Redu, liegt in Belgien, genauer gesagt in der Wallonie, umgeben von den Ardennen. In diesem paradiesischen Ort, den es tatsächlich gibt, spielt dieser Roman.

Der Autor

Ich beginne mit dem Autor. Torsten Woywod ist mir schon lange bekannt: als Buchhändler, Blogger, Architekt einer Buchcommunity (vormals „Was liest du“), Verlagsmitarbeiter, Verleger, Bloggerbetreuer und bereits als Autor von In 60 Buchhandlungen durch Europa. Durch seine vielen Stationen ist er zu einem Marketingexperten geworden – das kommt ihm neben seiner Erfahrung im Literaturbetrieb natürlich auch bei seinem Debütroman Mathilde und Marie zugute.

Wenn du einmal die Gelegenheit hast, ihn zu treffen: unbedingt ansprechen, er ist ein total netter Typ.

Redu

Dieser Ort wird unheimlich liebevoll beschrieben. Torsten hat dort selbst einige Zeit verbracht, kennt sich dort aus und liebt diesen Platz sehr.
Redu wird auch „das Bücherdorf“ genannt. Normalerweise geht es dort sehr beschaulich zu. Die vielen Buchhandlungen haben alle unterschiedliche Spezialisierungen, sodass sie sich nicht in die Quere kommen.
Ansonsten gibt es dort noch einen leicht schiefen Kirchturm, an dem die Uhr nicht richtig geht, und so gut wie kein Internet. Ich frage mich zwar, wie man so in der heutigen Zeit Geschäfte machen kann, doch für mich persönlich wäre diese Entschleunigung perfekt.
Trubel gibt es allerdings beim Bücherfest im April und bei der Büchernacht im August.
Ich muss zugeben, dass ich von diesem Bücherdorf vorher noch nie gehört hatte. Einen Besuch dort muss ich unbedingt nachholen – in etwa 2,5 Stunden Autofahrt wäre ich da.
Eine der Bewohnerinnen stellt Marie das Dorf mit folgenden Worten vor:

Der Name unseres Dorfes Redu leitet sich vom Begriff „réduire“ ab, womit der Charakter dieser Gemeinde sehr treffend beschrieben wäre. Im Alltag beschränken wir uns nämlich auf jene Dinge, die wir für wesentlich erachten. Auf dreihundertneunzig Einwohner kommt nur ein Internetanschluss und ein Fernseher. Auf der Gegenseite gibt es aber dreizehn Buchhandlungen … In einer Welt, die immer schneller, lauter und oberflächlicher wird, findest du hier einen Gegenpol zur allgemeinen Rastlosigkeit.

Das Paradies, wie ich oben schon sagte. Jetzt, wo ich älter bin, brauche ich häufiger zeitliche Inseln der Entschleunigung. Ich denke, ich muss dort wirklich einmal eine Woche verbringen.

Marie

Marie, die Hauptfigur des Buches, reist mit öffentlichen Verkehrsmitteln – allerdings nicht mit dem Ziel Redu. Sie will nicht irgendwohin, sondern einfach nur weg aus Paris. Dass sie in Redu landet, ist Zufall. Im Zug lernt sie nämlich eine ganz besondere Frau kennen, die für mich die zweite Hauptfigur des Romans ist: Jónina.
Jónina ist Buchhändlerin und stammt aus Island – eines meiner Traumländer. Sie ist eine sehr außergewöhnliche Zeitgenossin mit einer stark ausgeprägten Menschenkenntnis und viel Empathie. Allerdings ist sie einen großen Teil des Buches gar nicht anwesend, sondern in Island.
Warum Marie aus ihrem bisherigen Leben flüchtet und alle Brücken abbricht, erfährt man erst nach und nach. Marie ist ein eher zurückhaltender Mensch – auch den Leser:innen gegenüber.

Mathilde

Mathilde erscheint erst auf Seite 40 des Buches und eilt dort auch nur kurz durchs Bild. Auch sie hat in ihrem Leben viel zu verkraften und sich ganz in sich selbst zurückgezogen.
Neben Marie macht Mathilde die stärkste Entwicklung im Verlauf des Romans durch.

Natur

Die schöne Natur – Flora wie Fauna – rund um das Dorf ist immer wieder Thema. Es werden lange Spaziergänge beschrieben, das Verweilen auf einer Bank, Pflanzen und Vögel im Wald. Auch das trägt zur Entschleunigung bei – sogar bei mir, während ich dieses Buch lese.

Es passiert in diesem Roman nicht besonders viel. Er kam mir so entschleunigt vor wie das Leben in Redu selbst. Woywod nimmt sich Zeit für ruhige Szenen und lange Gespräche. Dazu passt dieses Zitat:

Und den gemächlichen Rhythmus der hiesigen Tage hatte sie nicht nur zu schätzen gelernt, sondern stets Kraft aus ihm gezogen …
Mit ihm kam die Erkenntnis, dass sich eine Menge Glück in den vermeintlich kleinen Dingen des Alltags finden ließ.

Ruhe und – ich wiederhole mich – Entschleunigung sind die Schlüsselbegriffe dieses Buches.
Apropos Schlüssel: Ein Symbol, das im Roman ebenfalls eine größere Rolle spielt.

Buchtipps

Viele Bücher werden in diesem Roman erwähnt. Einige habe ich mir sofort notiert, andere kannte ich bereits – zum Beispiel Loyalitäten von Delphine de Vigan.

Auf meine Liste gewandert sind:

  • Es gibt noch Haselnusssträucher von Georges Simenon
  • Alle meine Wünsche von Grégoire Delacourt
  • Weil nichts bleibt, wie es ist von Laurence Tardieu
  • Keine Sorge, mir geht’s gut von Olivier Adam

Fazit

Mathilde und Marie von Torsten Woywod ist ein sehr ruhiger Roman, der in einem idyllischen Bücherdorf spielt. Es geht um Neuanfänge, Abschiede, Entschleunigung, Freundschaft und Natur. Für mich ist es ein heißer Kandidat für „Das Lieblingsbuch der Unabhängigen“ 2026.

This entry was posted in Allgemein, Bücher, Bücher, Rezension and tagged in Bücher, Bücherdorf, Entschleunigung.

Buchlieberin

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