Azar Nafisi: Lolita lesen in Teheran
Samstag, 7. Februar 2026
Literatur lehren im Iran

Azar Nafisi wurde in Teheran geboren. Mit 13 Jahren besuchte sie Schulen in England und der Schweiz. Später studierte sie englische und amerikanische Literatur in den USA. 1979 kehrte sie in den Iran zurück. Sie unterrichtete an der Universität Teheran. Dann kam die islamische Revolution und alles änderte sich. Später, etwa ab 1995, unterrichtete sie einige handverlesene junge Frauen zuhause. Eine Mischung aus Seminar und Lesekreis. Aus dieser Zeit berichtet sie in diesem Buch „Lolita lesen in Teheran“.
Kein Roman
Es handelt sich nicht um einen Roman, sondern um die Beschreibung der Lebensumstände, insbesondere von Frauen in den 1980iger und zu Beginn der 1990iger Jahre, in Teheran. Aus dem Alltag einer Literaturdozentin beschreibt sie die Repressalien und die ständige Bedrohung durch das herrschende Regime. Sie beschreibt eine Zeit, in der einer Frau, der eine Haarsträhne aus dem Kopftuch lugt, wegen ungebührlichem Verhalten strenge Strafen drohen. Anhand der Schicksale ihrer Schülerinnen wird noch deutlicher, unter welchen Schwierigkeiten Frauen im Iran zu leiden hatten.
Und jetzt, 30 Jahre später, noch immer leiden.
Durch die jetzigen Ereignisse im Iran, der vielen Demonstrationen und der Todesopfer erlangt dieses Buch eine sehr düstere Aktualität.
Viel Raum nehmen auch die besprochenen Bücher ein. Vor allem im langen Abschnitt über Nabokovs Literatur, liest es sich eher wie ein literaturwissenschaftlicher Essay. Das macht das Buch ehrlich gesagt etwas zäh. Doch ist es auch sehr spannend, wie sie die Bücher in ihren Alltag einordnet und mit Fundamentalisten darüber diskutiert. Und es gibt natürlich einige Bücher, die jetzt von mir auch unbedingt gelesen werden müssen.
Nabokov
Als ich Lolita vor vielen Jahren las, gab mir das Buch gar nichts. Jetzt habe ich Lust auf ein re-read. Das es nicht einfach ist, über ein solches Buch im Iran zu unterrichten, leuchtet direkt ein. Nafisi muss sich da schon einiges einfallen lassen um ihre Bücher auf den Lehrplan zu bringen. Neben Lolita analysiert sie auch sehr ausführlich „Einladung zur Enthauptung“ von Vladimir Nabokov. Ein Buch, das mir bisher nicht bekannt war. Hier gibt es doch einige Parallelen zum Überleben in Teheran.
Auch andere Werke von Nabokov werden aufgeführt.

F. Scott Fitzgerald
In diesem Teil geht es literarisch vor allem um „Der große Gatsby“ von F. Scott Fitzgerald. Ein Autor, von dem ich einige Bücher sehr gerne gelesen habe. Zum Beispiel Liebe in der Nacht. So konnte ich den Analysen zu diesem Roman auch viel besser folgen. Ein interessantes Buch über Fitzgerald ist Westlich des Sunset von Steward O’Nan.
In ihrem Alltag beschreibt Nafisi Demonstrationen und Versammlungen, die zum Teil noch möglich waren. Später traute sie sich kaum noch das Haus zu verlassen.
Dieses Buch konnte sie auch noch in einem Seminar an der Hochschule unterbringen. Es galt als Beispiel für die Verderbtheit de Amerikaner, die zu den größten Feinden im offiziellen Sprachgebrauch des Iran gehörten. Überhaupt schreibt sie nicht nur über den exklusiven Kreis ihrer Studentinnen die sie im geheimen zuhause unterrichtet, sondern auch von ihren Erlebnissen an der Universität.
Das Buch enthält sehr schöne Sätze über Literatur, zum Beispiel diese
Ein Roman ist keine Allegorie … Er ist die sinnliche Erfahrung einer anderen Welt.
Wenn Sie sich auf diese Welt nicht einlassen, nicht mit den Figuren atmen und sich nicht in deren Schicksal verwickeln lassen, werden Sie nicht zu Empathie fähig sein – und Empathie ist das Herz des Romans. So nämlich liest man einen Roman: Man atmet die Erfahrung ein. Beginnen Sie also zu atmen.
Ich atme auch gerne Literatur ein.

James und Austen
In den weiteren Teilen des Buches geht es noch um das Werk von Henry James und Jane Austen.
Von Henry James habe ich noch nichts gelesen. Diese Lücke möchte ich gerne mit der Lektüre von Daisy Miller schließen. Die Interpretationen dazu von Nafisi fand ich sehr spannend.
Im Abschnitt über Jane Austen wurde es weniger theoretisch, hier waren die Lebensumstände ihrer Studentinnen ein großes Thema. „Ihre Mädchen“ nennt sie diese. Deren Leben sind bei weitem nicht alle gleich. Einige sind sehr gläubig, andere stehen unter der Fuchtel des Bruders, andere sind verheiratet und haben Kinder. Auch im Gefängnis saßen ein paar von ihnen bereits. Das sind die Abschnitte, an denen mich das Buch fesselte. Zu der Zeit, als ich es las, war der Iran auch jeden Tag in den Nachrichten. So wurde die Lektüre des Buches immer schwerer. Mir wurde dadurch vor Augen geführt, dass so viele Individuen von diesem Regime unterdrückt, misshandelt und getötet wurden und werden. Jede hat ihr eigenes Schicksal, ihre eigene Geschichte. Sie werden die anonymen Bilder in den Nachrichten plötzlich persönlich.
Fazit
Lolita lesen in Teheran von Azar Nafisi war für mich keine einfache Lektüre. Doch das Buch eröffnete mir eine ganz neue Interpretation einiger Klassiker, vor dem Hintergrund dieses brutalen Regimes im Iran. Eine Unmenge an Lektüretipps habe ich mir herausgeschrieben, einige mir bekannte Bücher habe ich dadurch wiederentdeckt. So hat sich die Lektüre für mich gelohnt.
Auf das Buch bin ich gekommen, weil letztes Jahr der danach gedrehte Film in die Kinos kam. Gesehen habe ich den Film leider noch nicht. Ich hoffe, dass er bald auch mal im Fernsehen gezeigt wird. Ich bin sehr gespannt auf die filmische Umsetzung.
